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Chronologie
eines Blizzards
"blizzard ['blized] Schneesturm m.", Ponds Kompaktwörterbuch
Irgendjemand
hat uns erzählt, daß er noch nie so einen harten
Winter erlebt hat wie in Boston. Da nun meine Frau zu den Menschen
gehört, die die Sahara für eine Gegend mit angenehmem
Wetter halten, hat sie daraufhin sofort Ihren Lieblingsfernsehsender
ausgemacht: Den Weatherchannel. Diese Segnung moderner Medienkultur
hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Allgemeinheit 24 Stunden
täglich darüber zu informieren, ob irgendwelche Naturkatastrophen
zu erwarten sind. In einem rauhen Land wie den USA ist natürlich
stündlich mit Hurricanes, Fluten und polaren Unwirtlichkeiten
zu rechnen. Deshalb schauen wir, seit wir hier sind, ebensooft
Weatherchannel.
24.12.2000
Nach
dem Heiligabendgottesdienst mit anschließendem Cookieessen
und Cidertrinken kommen wir nachhause. Die Geschenke haben (jetzt
ohne elterliche Kontrolle) schon vorher ausgepackt. Wir machen
es uns auf dem Sofa gemütlich und erfahren in den Nachrichten,
daß heute Heilig Abend ist.
Der
Wetterbericht läßt uns aufhorchen: "Expect blizzard
conditions on Saturday to Sunday". Sofort schalten wir
auf den Weatherchannel um und hören, daß wir am nächsten
Wochenende den ersten "Notheaster of the season" zu
erwarten haben. Anita gibt zur Kenntnis, daß es ihr kalt
ist.
25.12.00
Wir
haben ein gemütliches Mittagessen mit unseren Nachbarn,
die offensichtlich nicht Weatherchannel schauen. Unsere Nachbarin
will diese Woche nach New York auf einen Kongress fahren. Auf
den Blizzard angesprochen sehen sie und ihr Mann spontan besorgt
aus. Abends erfahren wir, daß wir mit "heavy Snowfall
on saturday night" zu rechnen haben.
26.12.00
Unsere
Nachbarin hat das Auto dagelassen und ist mit dem Zug nach New
York gefahren. Der mit mir verheiratete Tropenfan bezichtigt
mich des morgends im Bett der Lüge, weil ich informativ
mitgeteilt habe, daß es mich nachts nicht friert, und
das, obwohl ich noch die Sommerdecke benutze. Auf dem Parkplatz
vor dem Supermarkt belausche ich ein Gespräch zwischen
zwei Allradfahrern. "I´m thinking about buying snow
tyres" sagt der eine. "you´d better buy ´em
soon!" antwortet der andere, und beide schauen sich besorgt
an. Nach dem anschließenden Einkauf sind wir stolze Besitzer
eines Eiskratzers.
27.12.00
Der
Trailer beim Weatherchannel zeigt nun entfesselnd rutschende
Autos und Schneepflüge im Grenzbereich. Die Berichterstattung
läuft unter dem Titel "waiting for the Winterbliz".
Wir überlegen, ob wir Hamsterkäufen zuvorkommen und
für die nächsten Wochen einkaufen sollen.
28.12.00
Für
die Gegend und die Jahreszeit völlig überraschend
schneit es in den Rocky Mountains und an der Kanadischen Grenze.
Ein ernst schauender Meterologe erklärt, daß es sich
um "Lake effect snow" handelt und daß der Northeaster
nunmehr seinen Anfang nimmt. Auf der Wetterkarte zieht der Schnee
immer nach rechts oben, wo Boston liegt. In einem Interview
gibt jemand von der Stadt bekannt, daß man an Sylvester
den gerade im Bau befindlichen neuen Tunnel besichtigen kann.
Auf Nachfrage sagt er, daß die Besichtigung nur dann nicht
stattfindet, wenn wegen des "Winterbliz" vom Gouvernor
der Notstand ausgerufen wird.
29.12.00
Jetzt
wird live berichtet. Mit Expeditionsjacken ausgerüstet,
berichten Reporter von fünf - noch schneefreien Orten in
Neuengland über die "latest developments of the Winterblitz"
in Neuengland. Bei uns scheint bei blauem Himmel die Sonne.
Ich gebe zu bedenken, daß eventuell das Wetter mal den
Weatherchannel anschauen sollte und ernte dafür herbe familieninterne
Kritik. Später am Tag hat sich ein Reporter an die Kasse
eines örtlichen "Home Depot" vorgekämpft.
Ein - angesichts der düsteren Prognosen unverständlicherweise
- gutgelaunter Verkäufer erzählt im Interview, daß
die Schneeschaufeln ausverkauft seien und man in den letzten
zwei Tagen 20 Tonnen Streusalz verkauft habe. Danach werden
die Flughäfen gezeigt, an denen mit Verspätungen gerechnet
werden muß. Boston ist an Position zwei. Nach einem kurzen
Moment der Ohnmacht stellen wir fest, daß wir am Wochenende
nicht vorhaben, zu fliegen. Nicht, daß es mich gefroren
hätte, aber ich überlege nun auch, ob ich auf die
Winterdecke umsteigen soll.
30.12.00
Es
war richtig einen Geländewagen zu kaufen. Dieses beruhigende
Gefühl habe ich nunmehr jedesmal, wenn ich ins Auto steige,
den Zündschlüssel herumdrehe und vorne rechts den
Hebel sehe, mit dem man den Allradantrieb zuschaltet. Natürlich
scheint noch die Sonne. Noch! - rufe ich den Straßenmitbenutzern
zu, die arglos in Ihren Limousinen fahren. Der Schneesturm naht,
die Zeit unseres Blazers naht! Schon bald werden wir müde
lächelnd auf die gestrandeten Autos in den Schneehäufen
am Straßenrand schauen!
Abends
kommen die ersten Bilder im Weatherchannel. Es wird ernst. In
New York schneit es schon leicht und draußen windet es
ein bißchen. Wir reiben uns die Hände, Anita dreht
die Heizung höher und wir gönnen uns eine heiße
Tasse Kaffee und die Guzle, die uns Mamma zu Weihnachten geschickt
hat.
31.12.00
9.00
AM - Frühstück
In
New York schneit es. Immerhin hat es dort schon fünf Zentimeter
Schnee. Die Berichterstattung bekommt langsam einen aufgeregteren
Ton. Der Bürgermeister von Philadelphia präsentiert
stolz eine neue Methode, die helfen soll, der gesammelten Schneemassen
Herr zu werden: Mittels eines Gasbrenners wird der Schnee geschmolzen.
"This is really an invention" kommentiert der - nunmehr
mit aus Filmen wie "Amunsen - Eroberer der Antarktis"
bekannter Kleidung ausgerüstete - Reporter. In Philadelphia
hat es schon über drei Zentimeter Schnee. Die im winterlichen
Alaska gefilmte Chevrolet-Werbung unter dem Titel "You
can trust on me" rührt mich fast zu Tränen. Bei
uns ist es mittlerweile leicht bewölkt und der Wind hat
aufgefrischt. Wir haben mit Storm und havy snowfall "later
in the afternoon" zu rechnen. Wir beschließen vormittags
noch schnell einzukaufen. Anita plädiert für die Tütensuppen
im Sonderangebot. "Da hat man was warmes", sagt sie.
12.15
PM - after Lunch.
Sollen
wir noch aus dem Haus? Der Weatherchannel sagt nein. In New
York schneit es immernoch, es hat schon 8 Zentimeter Schnee.
Wir sind gespannt, wann der Winterblitz einsetzt. Da die hevy
Snowfalls erst später am Nachmittag kommen sollen, beschließen
wir noch nach Nordboston zu fahren, wo es ein billiges Kajak
für den Sommer gibt. Anita fragt, ob wir überhaupt
mit einem Sommer rechnen können.
Als
wir ins Auto steigen schneit es leicht und windet etwas. Die
Straßen sind überfüllt - etwa alle zehn Meter
begegnen wir einem erwartungsfrohen Schneepflug.
Wir
gönnen uns im Laden erstmal einen heißen Kaffee.
Wer weiß wann wir wieder einen bekommen?
Nachdem
wir das Boot gekauft haben mutmaßt Anita, daß wir
es wahrscheinlich eher als Schlitten benutzen werden. Auf dem
Weg zum Auto schneit und windet es immernoch etwas.
Auf
der Heimfahrt hört es mit schneien auf. Die Schnepflugpopulation
hat dafür noch spürbar zugenommen.
Im
Weatherchannel erfahren wir, daß es in New York noch fünf
Zentimeter geschneit hat.
Seither
warten wir - zusammen mit den Weatherchannel und Millionen von
Schneepflügen - auf den Blizzard.
Und
die Sonne, die hier durch das Fenster auf meine Nase scheint,
wartet wahrscheinlich auch....
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