| |
Jesus @ Haltestelle
Schwabstraße
Ich begegne ihm jeden Morgen, wenn ich die Rolltreppe aus der
U-Bahn hochfahre. Er ist immer auf eine verstaubt-elegante Art
gekleidet: Dunkler Anzug, Krawatte, Weste, darüber ein
heller Mantel, je nach Wetterlage offen, oder zugeknöpft.
Über dem eleganten Krawattenknoten wallt, oder besser zottelt
ein langer, aber zerfahrener, und deshalb eher wild als beeindruckend
zu nennender Bart, dessen früheres Schwarz einem gesprenkelten
Grau gewichen ist.
Der Bart umschließt ein
eckiges Gesicht, einen breiten Mund, der von vollen Lippen umrandet
wird. Darüber eine mächtige Nase, eher mit Nüstern
als mit Nasenlöchern versehen, tiefschwarze Augen, und
sehr buschige Augenbrauen, die im Gegensatz zum Bart ihre tiefschwarze
Farbe behalten haben. Die Haare passen wieder eher zum Anzug,
leicht angegraut, hohe Stirn, mit Pomade sorgfältig nach
hinten gekämmt.
In der rechten Hand hält
er einen Stock aus dunklem Holz mit gravierten Silberbeschlägen.
Seine Schuhe sehen bei jedem Wetter blank poliert und sauber
aus, scheinen aber wie auch seine Kleider, schon älter
zu sein. Die Spitzen der Schuhe haben abgeschabte Stellen. Das
liegt daran, wie er läuft, eher: schlurft, denn er kann
offensichtlich seine Beine nicht mehr heben. So verlagert er
bei jedem Schritt bedächtig sein Gewicht, und schiebt den
entlasteten Fuß jeweils nach vorne, langsam aber stetig
kommt er so voran. Ich habe noch nicht wirklich herausgefunden,
wie er es schafft, die Rolltreppe zu betreten und auch zu verlassen.
Aber offensichtlich schafft er es, ich habe ihn schon öfter
fahren sehen. Manchmal entschließt er sich aber auch,
die konventionelle Treppe hinunter zu laufen. Das Laufen strengt
ihn wohl sehr an, auch bei kaltem Wetter stehen ihm Schweißperlen
auf der Stirn.
In seinem Blick brennt Feuer,
ein eiferndes, heiliges Feuer. Seine angemessene Kleidung wäre,
da bin ich sicher, ein Talar, ein Kaftan oder ein Priestergewand,
sein natürlicher Aufenthaltsort eine Kanzel. Ich habe ihn
noch nie reden gehört, aber ich bin sich, dass er eine
laute, tiefe, gehaltvolle Stimme hat.
Jeden Morgen warte ich darauf, dass er auf der obersten Stufe
stehen bleibt, sturmumtost in der Zugluft, die von unten kommt,
sich mit der Hand durchs Haar fährt, wild blickt und dann
mit donnernder Stimme anfängt zu predigen. Und wir alle,
die wir mühselige und beladene S-Bahnfahrer auf dem Weg
zur Arbeit sind, werden gebannt zu ihm aufschauen und atemlos,
voller Erwartung zuhören.
Stattdessen setzt er seinen Weg
abwärts fort und steigt in die U-Bahn Richtung Stadtmitte.
Vielleicht predigt er nicht in den Außenbezirken. Vielleicht
zieht es ihm auch zu sehr im U-Bahn-Schacht. Mir übrigens
auch. Oder seine Stunde ist noch nicht gekommen.
Ich grüße ihn jedenfalls
immer freundlich, man weiß ja nie.
|