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Mittwoch, Dezember 04, 2002
 
Da bin ich aber dankbar!

Ich bin so froh, daß es in Deutschland eine effiziente Verwaltung gibt. In den USA zum Beispiel weiß jeder, daß nur die Pfeifen zum Staat gehen, weil man da schlecht verdient. Deshalb herrscht auch ein tiefes Mißtrauen gegenüber jedem staatlichen Handeln und die Überzeugung, daß man alles besser kann wenn sich der Staat nur raushält.
Wir in Deutschland dagegen wissen, daß das Glück eines Menschen wenn überhaupt, dann vom Staat kommen kann. Besonders glücksbedürftig sind offensichtlich die Binnenschiffer: Die Bundeswasserstraßenverwaltung hat zum Beispiel doppelt so viele Beamte wie es in Deutschland Binnenschiffer gibt. Mich verwaltet dagegen nur ein Beamter auf dem Arbeitsamt. Neben guten Nachrichten, wie "wären sie doch in Amerika geblieben", oder "haben sie es nicht mitbekommen, der deutsche Staat ist pleite" hat er mir, vermutlich in einem Anfall vorweihnachtlicher Gebefreudigkeit, ein Bewerbertraining verpaßt, "nur für Akademiker" sogar, das wie ich die Tage schon erwähnt habe, gerade stattfindet.

So sitzen wir, eine launige Truppe, die u.a. eine Esoterikerin, einen radfahrenden ostdeutschen Ingenieur, einen Langzeitarbeitslosen mit Berufsziel Manager, einen Drücker aus Malta und eine albanische Tierärztin umfaßt jeden Tag da, und lernen, uns zu bewerben. Die Esoterikerin, die mal Lehrerin war macht ab und zu auch Joga-Übungen auf dem Boden und bezieht das Diskussionstraining auf ihre gescheiterte Ehe. Der Langzeitarbeitslose begründet öfter, warum ihm seine Erfahrung als Abteilungsleiter Wurstwaren bei Topkauf in der Position eines Bankfilialleiters sehr zu gute kommen würde. Er bringt auch immer knallhart Fachvokabeln aus dem Bankbereich wie "selbstschuldnerische Bürgschaft" an um Kompetenz zu zeigen, besonders immer wenn der ostdeutsche Ingenieur anfängt anhand seines Lebenslaufes die Besonderheiten des DDR-Schulsystems zu erklären. Die Esoterikerin findet dann beide menschenverachtend, die DDR aber immerhin nicht so schlecht wie heute getan wird. Der Drücker mischt sich eigentlich nicht ein, außer wenn jemand behauptet, Ferienwohnungsanteile auf Zypern hätten was Anrüchiges.
Eine launige Truppe also, die sich da so zusammenfindet. Das Hauptding ist, daß man in Gruppen diskutiert (das ganze wird von einer Sozialpädagogin geleitet) und zwar im großen und Ganzen die Bewerbungsunterlagen des jeweils anderen. Ich selber konnte in aller Demut schon einige Tips geben, etwa, daß man als angehender Bankmanager seine Berwerbung nicht von Hand auf einen Freßzettel schreiben sollte, oder daß man im Lebenslauf zum Studienende nicht unbedingt "Ende d. Studiums: endgültig durchs Vordiplom gefallen" schreiben sollte. Auch bietet es sich an, als Tierärztin in Deutschland zumindest rudimentär Deutsch zu können, da mir größere zusammenhängende Kolonien albanischer Tiere im Raum Tübingen nicht bekannt sind. Da die Gute aber mit einem Deutschen (LKW-Fahrer) verheiratet ist, der kein albanisch, beherrscht sie offensichtlich von Haus aus die nonverbale Konversation meisterhaft.

Ich und mein Freund, Gönner und Beamter vom Arbeitsamt haben natürlich gehofft, daß auch ich viele Hilfen und Tipps zur Verbesserung meiner Bewerbungsunterlagen bekomme. Stattdessen hat mich die Kursleiterin heute gefragt ob sie meine Bewerbungsunterlagen kopieren dürfte, sie hätte noch nie so gute gesehen. Als ich nach Hause kam waren wieder zwei Absagen im Briefkasten - anscheinend haben andere der Frau Kursleiterin da was voraus.Nächste Woche habe ich Vorstellungsgesprächstraining - das freut mich besonders, da ich aufgrund meiner - durch und durch für gut befundenen Bewerbungsunterlagen bisher eine Vorstellungsgesprächsquote von genau 0% hatte.

Gut, man weiss ja nie - und jedenfalls habe ich einen Grund nächste Woche auch jeden Tag 16 Kilometer Fahrrad zu fahren.

Nun denn, so gehe ich nachher gut gelaunt und mit exzellenten Berwerbungsunterlagen in der Tasche zum wöchentlichen Segelkusabend, der, hört hört! übrigends von einem Langzeitarbeitslosen geleitet wird. Vieleicht sollte ich einfach mal meine Lebensziele überdenken - nachdem meine Frau schon mehrfach abgelehnt hat mir einen Weinberg in der Toscana zu kaufen, könnte ich ja trotzdem im Sinne einer Entlastung des Arbeitsmarkt meine Schaffenskraft auf imaterielle Ziele ausrichten. Über unseren Segelkursleiter hat in der letzten Stunde einer hinter mir zu seinem Nachbarn gesagt: "jaja der Schorsch, der ist ein glücklicher Arbeitsloser, der hält die Segelstunden, macht die Jugendarbeit, macht den Schiedsrichter bei Regatten und geht segeln. Das ist besser als Laster fahren." Ob er auch mit einer albanischen Tierärztin verheiratet ist? Aber gut, immerhin, ein glücklicher Arbeitsloser ist ein guter Arbeitsloser, jedenfalls wenn man grundsätzlich damit einverstanden ist arbeitslos zu sein. Hobbylos oder frauenlos wäre schlimmer, insoweit stimme ich zu und gehe jetzt in die Wasserstraßenkunde.

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