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Freitag, Dezember 20, 2002
 
Ich wette, er ist krumm.

Ich bin mir sogar sogut wie sicher. Nicht daß man es ihm ansehen würde. Im Gegenteil: ich habe ihn natürlich vorausahnend besonders genau unter die Lupe genommen. Von allen Seiten. Die Verkäuferin hat ihn so oft umdrehen müssen, daß sie am Schluss gemeint hat sie hätte für 1ß Euro jetzt genug gearbeitet, dazu noch morgends in der Kälte. Das alles wird aber nichts helfen. Vermutlich gibt es da geheime Reaktionen im Inneren. Zellen die auf Geldfluss oder Transport im Privatfahrzeug reagieren und dann die Spitze zur Seite neigen. Bisher nicht erforschte Vorgänge im Stoffwechsel.
Warum ich mir so sicher bin?
Solange ich denken kann und mein Vater noch gelebt hat gab es bei uns zuhause am Wochenende vor Heiligabend ein Ritual, daß damit begann, daß meine Frau Mamma zu meinem Vater, meinem Bruder und mir sagte, daß es an der Zeit sei einen Christbaum zu kaufen. In späteren Jahren, als wir der Gefahr gewahr waren, versuchten wir es mit Ausreden, etwa, daß wir noch Öl am Auto wechseln, oder nach Afrika fahren mussten, was aber nichts half. Auch alle Versuche, meine liebe Mutter mit zum kaufen des Christbaums zu nehmen schlugen aufgrund kochtechnischer oder weihnachtsbackseitiger Verpflichtungen fehl, so daß am Schluss mein Vater, mein Bruder und ich uns ohne weibliche Begleitung auf den Weg zum örtlichen Schwarzwaldtannenimporteur machten.
Immerhin, wir waren dort nie die einzigen, üblicherweise traf man genug andere Männer, die in der Kälte die ordnungsgemäße Ausrichtung der Stämme südbadischer Nordmanntannen prüften. Teilweise sogar mit Präzisionsinstrumenten. Außer beim Schulrektor und beim Finanzbeamten war na sich auch sicher daß es sich um fremdbestimmtes Verhalten handelt und nickte sich wissend gegenseitig zu. Und jeder kannte den Satz, den der andere zuhause zu hören bekommen würde, sobald der Baum in Ständer stand:
Der Baum ist krumm.

Über die letzten Jahre habe ich die Sache vergessen, weil wir nie einen eigenen Christbaum hatten. Welche Erleichterung, wenn man mal auf der anderen Seite steht und nach einem "so ein schöner Baum!" zu seiner Frau "die Tanne hat beim wachsen auch zuviel gesoffen" flüstern kann. Hemmungslos! In diesem Jahr ließ es sich indes nicht vermeiden. Als gewiefter Familientaktiker habe ich versucht, Traditionen im eigenen Haaus garnicht erst aufkommen zu lassen und meine werte Frau sofort in den Kaufprozeß mit einzubeziehen. Im Endergebnis habe ich soeben alleine und auf eigene Verantwortung den Baum gekauft und vorher noch gattinenseits den Rat bekommen, bloß aufzupassen "daß er nicht krumm ist".

Ich bin mir eigentlich sicher, daß er krumm ist.
Auf dem Heimweg habe ich Weihnachtslieder gepfiffen und gedacht, daß wenn mein Bruder und mein Vater da wäre wäre es wie früher.

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