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Sonntag, Dezember 08, 2002
 
Kontrollbesuch


Gestern hatte ich für nix Zeit weil wir den ganzen Vormittag mit putzen beschäftigt waren, obwohl es selbst nach Auskunft meiner werten Gattin nichtmal arg nötig war. Es war aber trotzdem nötig, weil meine Mamma uns die Ehre eines Erstbesuches im neuen Heim zuteil werden lassen hat. Andererseits war es - aus mutterbiographischen Gründen auch wieder nicht nötig: Die mir als Oma in durchaus positiver Erinnerung befindliche Mutter meines Vaters hat offensichtlich in früheren Jahren in ihrer Rolle als Schwiegermutter weniger brilliert, weshalb meine Mutter irgendwann beschlossen hat so mal nicht zu sein. Außerdem kann sie meine Frau gut leiden, was ich verstehen kann, ich kann sie nämlich auch gut leiden.
Sei es wie es sei, natürlich waren wir trotz allem der Meinung daß wir putzen müssen, womöglich ein "Mutter-kommt"-Reflex, und haben den ganzen Morgen damit verbracht. Deshalb waren wir nicht einkaufen. Als meine Mamma dann kam hatten wir keine Kaffeefilter da -
Meine Mutter hat sich nichts anmerken lassen und auch tapfer alle Fragen nicht gestellt die ihr wenn ich sie richtig kenne unter den Nägeln gebrannt haben. Fragen wie "wo tut ihr denn alle Eure Familienfotoalben hin, wenn Ihr kein Wohnzimmerbuffet habt?" oder so... Ganz hat sie es natürlich nicht geschafft, und ein paarmal vorgeschlagen, daß wir noch Schals an die Wohnzimmerfenster machen sollen, aber natürlich nur wenn es meiner Frau gefällt. Ob es mir gefällt spielt weniger eine Rolle, wie auch das fehlende Buffet im Wohnzimmer in der Vorstellung meiner Frau Mamma sicher meiner Frau von mir vorenthalten wird.

Nach dem Wohnungsrundgang wars dann ein richtig vergnüglicher Nachmittag, wir haben mal wieder festgestellt, daß mein Heimatort als Grundlage für eine Seifenoper geeignet wäre, daß meine Mutter zuviel arbeitet, und meine Oma zuwenig ißt. Ich könnte mit solchen Gesprächen, deren Nutzwert eindeutig gegen null tendiert, Stunden verbringen, sie geben einem so ein Gefühl von Vertrautheit mit Ort und Leuten, daß man vieleicht nur mit dem Platz in der Welt haben kann an dem man aufgewachsen ist.


Ich mag solche Gespräche auch, weil ich das Gefühl habe, daß sie für meine Mutter so wichtig sind seit mein Vater gestorben ist. Wenn ich daheim niemanden hätte dem ich erzählen kann wäre ich auch einsam. Ich komme aus einer Familie von Erzählern. Meine Oma kann, wenn sie denn gelassen wird stundenlang erzählen, durchaus mit Spannung, Witz und Phantasie. Wenn sie im Familienkreis oftmals nicht gelassen wird, dann deshalb, weil sie ob der Vielfalt des Erlebten vergessen hat, wem sie was schonmal erzählt hat. Meine Mamma erzählt auch gern, von Ihrer Arbeit, von dem was sie bewegt. Es ist so witzig wie sehr sie im erzählten aufgehen kann - die Pose wird wieder eingenommen, der Tonfall paßt sich dem Spannungsbogen an und die entsprechende Gestik unterstützt das Gesagte. Manchmal habe ich bei den Geschichten meiner Oma und meiner Mamma auch den Eindruck, daß das, was dann gesagt wird, auch eine Entwicklung hinter sich hat, geprüft und bezüglich Inhalt und Form der Dramaturgie angepaßt worden ist. Denn die Geschichten sind nicht sich selbst genug, sonden haben auch immer eine Aussage, eine Moral, einen Apell, der im Fall meiner Mutter üblicherweise von meinem Vater verkündet wird.
Ich glaube meine Oma wäre eine gute Schriftstellerin wenn sie nur wollte und meine Mutter eine gute Schauspielerin und Erzählerin. Und beide wären sicher entrüstet, wenn sie wüßten, daß ich dererlei von Ihnen behaupte.

Ich jedenfalls weiß, das sei mein Resumee für heute, warum ich - wenn auch nicht so begabt - gerne erzähle und woher ich meine Gestik habe, wofür ich mich hiermit nochmal bedanke.
Wir kaufen aber trotzden kein Wohnzimmerbuffet.

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