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Samstag, Januar 04, 2003
 
Ich wäre lieber Ritter


Früher hat man Männer zur Bewährung in eine Rüstung gepackt, auf ein Pferd gesetzt, ihnen eine Lanze in die Hand gegeben und sie zum Zwecke männlichen Kampfes ins Turnier geschickt. Auf der Tribüne jubelte das Publikum ihrem Mut zu und als Preis winkte immerhin das parfümierte Taschentüchlein eines leidlich hübschen Burgfräuleins.
Heute gibt man Männern, die sich bewähren solllen, eine Scheckkarte und den Autoschlüssel, und schickt sie zum Sockelleisten in den Baumarkt. Das ist grausamer. Nachdem mein Vetter Christian gestern angekündigt hat, daß er am Montag gedenkt, unsere Sockelleisten zu montieren, ist meiner Frau eingefallen, daß wir dieselben erst noch kaufen müssen. Wortwörtlich sagte sie "die mußt DU noch kaufen". Auch durch meine Einlassungen, es sei Samstag, regnerisch, Inventur und Weltuntergang habe ich nicht verhindern können, daß ich mich eine halbe Stunde später auf dem Weg in den Baumarkt befand.
Wenn man schonmal da war ist es noch viel schlimmer, weil man schon ahnt, was einen erwartet. Das erste Problem ist immer unbeschadet das Auto zu parken und zum Eingang zu kommen, weil entgegen aller Schilder bei Hornbach auf dem Parkplatz die STVO nicht gilt und außerdem alle an ihrem Auto irgendwo was rausstehen haben. Auch heute wäre ich vor dem Eingang wieder fast von einer Badewanne erschlagen worden. Immerhin, Tod durch eine Kloschüssel wäre profaner gewesen.

Listig wie ich bin, habe ich mich auf keine Experimente eingelassen, und mich erstmal an der Information angestellt um zu fragen, wo ich denn Sockelleisten finde. Ich wurde auch schon nach einer Viertelstunde bedient, wozu die freundliche Dame extra das Gespräch mit ihrer Freundin unterbrochen hat. "Dritter Gang hinten", hat sagte sie, eine brauchbare Information meine ich.
Wenn man weiß ob nach rechts oder links.
Als ich das merkte hing aber schon das "Komme gleich wieder" -Schild da, das ich vom Holzzuschnitt kenne, wo ich es letztens eine Stunde lang angeschaut habe.
Forsch und mutig entschied ich mich für rechts, wo im dritten Gang just ein freundlicher junger Herr mit "Esgibt viel zu tun!" - Mütze stand und fragte ob er mir helfen könne.
Nach Schilderung meines Problems erklärte er in bestem Hochsächsisch, daß ich in der Metallwarenabteilung gelandet sei, und er leider nicht wüßte, wo sich die Holzartikel im Einzelnen befänden, ich solle doch die Holzabteilung aufsuchen. Auf meinen Einwurf, daß es auch Sockkelleisten aus Kunststoff gebe, erwiderte er, daß die Holzabteilung seines Wissens auch für Holzimitate zuständig sei und schickte mich fünf Gänge nach hinten und dann rechts.
Die Holzabteilung ist offensichtlich auch in sächsischer Hand, jedoch in sachsen-anhaltinischer, wie der Verkäufer auf Nachfrage erklärte. Im netten Gespräch stellte sich heraus, daß er zwar zuständig für die Holzabteilung war, jedoch mit Sockelleisten nicht weiterhelfen konnte, weil diese in der Bodenabteilung wären. Wo diese sei könne er nicht sagen, er sei noch neu, aber die grobe Richtung sei nach rechts und dann weiter fragen.
Nach einigen Metern fragte ich den freundlichen Herrn am Bohrmaschinenstand, der zwar nicht wußte, wo die Sockelleisten sind, aber daß ich dringend einen Bohrhammer brauche. Davon ließ er sich auch durch Beteuerungen, daß wir im Zelt wohnen, oder sogar obdachlos sind, und nie in die Nähe fester Wände gehen, nicht abbringen.
Zum Glück konnte ich ihm entwischen als er sich nach einem anderen Modell umdrehte, mußte aber dazu scharf links abbiegen und stand unversehens beim Tierfutter.
Die Verkäuferin dort - aus Thüringen - war noch nie weiter nördlich als bis zu den Rasenmähern gekommen, empfahl aber den Gang zu Information, die ich in diesem Moment mit einer Gewissen Rührung auch in einiger Entfernung erkannte.
Der Weg dorthin war nicht einfach, da er am Bohrmaschinenstand vorbeiführte, mit einem Sack Hundefutter vor dem Kopf konnte ich die Standbesatzung aber glücklicherweise täuschen und mit dem Hinweis auf meinen großen Hund Verkaufsversuche wirksam abblocken.
An der Information wurde ich mit einem fröhlichen "Ah, sie haben das Hundefutter gefunden!" empfangen und sofort zu den Sockkelleisten weitergeleitet, die sich offensichtlich in einem Bereich des Marktes befanden, wo ich noch nie gewesen war. "Sehn se!", sagte der Mann an der Information im besten Berlinerisch, "müssn se nur de ritijen Leute frachn!".

Bei den Sockelleisten angekommen gab es leider keine Sockelleisten, dafür aber einen lachenden Brandenburger der meinte ich sei heute schon der fünfte, der für Sockelleisten zu ihm geschickt worden sei. Das sei neuer Rekord für die Beton- und Ziegelabteilung.

Am Ende habe ich die Sockelleisten gefunden, indem ich den Baumarkt systematisch durchsucht habe. Ich habe Dachplatten und Schubkarren untersucht, Besen, Heilerde, Häcksler, Lampen, Duschvorhänge und Kiese und Erden. Ich habe Marktleiter, Putzfrauen und andere Kunden befragt. Einen Verkäufer habe ich mit körperlicher Gewalt dazu gezwungen, mich zu führen, was sich aber nach einer Stunde als erfolglos herausstellte. Die Leisten sah ich dann als ich schon aufgegeben hatte, aufgereiht in einem eigenen Abteil direkt neben der Information.
Wenigstens war der Rückweg zu Auto weniger riskant, weil der Parkplatz schon menschenleer war.

Zwei Sachen weiß ich jetzt:

Ich glaube wenn ich nach dem Weg nach Bitterfeld gefragt hätte, hätte ich kompetenter Auskunft bekommen.
Ich wäre lieber Ritter geworden.


Freitag, Januar 03, 2003
 
Kettenorganisierer und Dichtungsempfängerinnen

Oh je, bis heute abend muss ich den Text über "Supply Chain Management" fertig haben, damit ich im Bewerbungsverfahren bleibe. Schon seit dem 19. Jannuar kämpfe ich dabei mit gewissen Schwierigkeiten, insbesondere bei der Eingrenzung des Begriffes. Die Materialflut ist gewaltig: Allein auf deutsch befassen sich 49900 Seiten mit dem Thema, davon allein 1090 mit den damit verbundenen Schwierigkeiten.
Immerhin, Themen wie "Drecksau" (90700), "Psychiater" (79400) oder "so ein Herbert (1.400.000) wären noch wesentlich umfanreicher gewesen.

Wenigstens findet sich zum SCM, wie es der Fachmann nennt ja was, während ich andere Sachen trotz meiner gestrigen comouterarchäologischen Suche nichtmehr finde, und damit meine ich nicht diverse Socken und Unterhosen, die auch als verschollen angesehen werden können.
Nein, es handelt sich um mein lyrisches Frühwerk, das ich in jungen Jahren durchaus gewinnbringend einzusetzen wußte, indem ich es mit Widmungen versah und an Frauen verschenkte. Nun könnte ich die Empfängerinnen meiner Dichtung ja fragen, ob ich mir die ausgeteilten Exemplare mal kopieren dürfte, das geht aber leider nicht.
Wie ich gehört habe ist im Ramen eines Kaffeetrinkens eines Tages das Gespräch auf mich gekommen. Dieses Gespräch war offensichtlich der Anlaß, etwas vergleichende Literaturwissenschaft zu betreiben, wobei im Ergebnis herauskam, daß ich - nun ja gewisse Motive und Phrasen mehrfach wiederverwertet hatte (never change a running system ;-)). Das wurde leider von den Rezipientinnen weniger gut aufgenommen als erhofft.
Um es auf den Punkt zu bringen: Man ist sauer.
Die einzige Diskette mit dem Zeug drauf, die ich noch habe, hat einen Bootsektorvirus.
Irgendwie konsequent, oder?


Donnerstag, Januar 02, 2003
 
Computerarchäologie

Draußen stürmt es, das das Haus wackelt, da macht es sich gut, behaglich im Büro zu sitzen, zuzuschauen wie der Regen übers Feld treibt und bei einer Tasse Kaffee mal in den dunklen Tiefen der Festplatten zu stöbern. Computer habe ich seit nunmehr 17 Jahren. Und seit dem ersten mit Festplatte habe ich immer die Daten aufs neue System migriert. Wie ich heute feststellen musste bietet es sich an nicht nur die Daten mitzunehmen, sondern auch die zugehörige Anwendungssoftware. Alte MSWorks-Files waren nur mit viel Gefummel wieder in ein lesbares Format zu kriegen. Der Aufwand hat sich aber gelohnt: So habe ich eine knapp 10 Jahre alte Glosse mit dem Titel "Jedes Jahr eine arme Sau" gefunden, die damals vom Reutlinger Generalanzeiger doch nicht veröffentlicht wurde, obwohl sie schon im fertigen Layout drin war. Genaugenommen hat der Chef vom Dienst damals einen Brüllkrampf bekommen, als er die Glosse gelesen hat, und ihm eingefallen ist, daß das ganze Blatt voller Nikolauswerbung war.
Auch schön: Einen Brief an eine Angebetete habe ich in jungen Jahren mit dem Satz: "P.S.: Da ich keine Lust habe den Brief noch zu korrigieren entschuldige ich mich an dieser Stelle für meine saumäige Orthographie und Interpunktion." beendet. Anscheinend war die Empfängerin an jemand, der orthographisch perfekt ist, interessiert - jedenfalls kam nie eine Antwort. Nachdem ich mittlerweile bemüht bin, solche Funde in Formate zu bringen, die etwas haltbarer sind habe ich ein paar der Funde in html-Docs umgewandelt und wo ich schon dabei war auch gleich online gestellt. Ein paar Geschichten gibts hier während ein paar Versehier zu finden sind. Viel Spaß beim Lesen! Angesichts des unwirtlichen Wetters empfehle ich, sich dazu unter Einsatz einer Tasse Heißgetränk in die Nähe einer Heizung zu begeben. Alle die in ihrer Kiste neuere Athlons oder Pentiums haben dürften damit ja kein Problem haben...


Mittwoch, Januar 01, 2003
 
Nur weil ich mich geniere, daß ich Silvester mit y geschrieben habe,

und es erst gemerkt habe, als ich es bei Ulf gelesen habe, heißt das nicht, daß ich der einzige sprachliche Tiefflieger im Netz bin.
Mit mir voll im Fettnäpfchen sind auch:

- Dem Schockwellenreiter sein Hund
- Dem Schockwellenreiter seinem Hund sein Herrchen
- Irgendwelche russischen Dänen
- eine mir unbekannte Unterwäschedesignerin aus Neuseeland
- und auch ein Typ, der offensichtlich nichtmal seinen Vornamen richtig schreiben kann.

Sehr elegant löst Georg die Sache: er wie auch sein geschiedener Hund Herr Müller erwähnen den Jahreswechsel einfach nicht. So ist es richtig!


 
Die Russen haben gewonnen.

Kaum hat das neue Jahr begonnen, schon kann ich mich zufrieden zurücklehnen in der Gewißheit, daß ich meinen Vorsatz bereits erfüllt habe - jawohl, ich habe nicht Sylvester gefeiert. Bei einem Gläschen vorzüglichen Beaujolais und einer mit extra Schinken getunten Fertigpizza habe ich noch eine Runde ferngesehen und bin dann unspektakulär ins Bett gegangen. Auf dem Weg ins Bett habe ich, praktisch im Vorbeilaufen, noch das Feuerwerk gesehen, aber nur weil ich den ganzen Abend nicht auf die Uhr geschaut habe. Hat mich auch nicht weiter interessiert.
Immerhin schon erstaunlich, daß man von unserem Wohnzimmerfenster aus das Feuerwerk dreier Ortschaften sieht: links, pietistisch ruhig, die alten Dusslinger, in der Mitte das deutsche und das russlanddeutsche Neubaugebiet mit Nehren dahinter, und rechts die frommen Gomaringer, wo nur die Zuzügler böllern. Offenbar ist das Bauen von Häusern billig geworden, denn die beiden Neubaugebiete hatten in der Feuerkraft deutlich die Nase vorn. Vieleicht hat man als frischgebackener Häuslesbesitzer auch besonders viele Geister zu vertreiben.
Dabei haben die Russen die anderen nochmal deutlich distanziert: Ich hab mich erst gefragt ob dort bei jemand die Wodkavorräte explodiert sind oder die Jungs doch eine Vorhut der roten Armee sind und pünktlich um zwölf zum Angriff geblasen wurde. Aber offensichtlich gehört unser Weiler auch heute noch zum freien Europa, jedenfalls macht es so den Eindruck. Auf den Schreck mußte ich dann direkt doch noch ein Gläßchen vortrefflichen Aquavits nehmen, aus der Flasche, die ich früher am Abend im Briefkasten gefunden hatte. (Nochmal danke Chris!!).
Ich lege aber Wert darauf daß ich nicht auf das neue Jahr, sondern höchstens auf die Freiheit getrunken habe und das aus gegebenem Anlaß, praktisch genauso wie ich aus Versehen das Feuerwerk gesehen habe.
Pah, Silvester.
(jawohl, dank Ulf weiß ich jetzt auch, daß man sIlvester nicht mit "y" schreibt.)


Dienstag, Dezember 31, 2002
 
Noch einmal schlafen...

...und dann ist es wieder rum für ein Jahr mit der Feierei. Sydney hat es schon hinter sich, habe ich vorher im Fernsehen gesehen. Die habens gut! Allen die noch nicht soweit sind, wünsche ich eine stille und geruhsame Nacht, womöglich eingeläutet mit einem guten Glas Rotwein. Wer für einen guten Schlaf auch auf eine Dosis ungehemmter Heiterkeit angewiesen ist, kann ja noch bei den geheimen Herr-der-Ringe-Blogs vorbeisurfen. Aber nicht zu lange! Wachbleiben kann man den Rest vom Jahr, heute gilt es ein Zeichen zu setzen!
Bis nächstes Jahr - Gähn!


Montag, Dezember 30, 2002
 
Oh je, und das in dem Alter!

Einer der mich kennt und solo ist hat mich heute angerufen um mir mitzuteilen, daß er zu der neuen Freundin eines anderen, den ich kenne, nichts sagt. Bei dem findet eine Sylvesterparty statt, zu der der, der angerufen hat nicht eingeladen ist. Er hat aber mir empfohlen, daß ich hingehe, damit ich die Frau kennenlerne, zu der er nichts sagt, außer daß mein Bruder gesagt hat, sie sei hübsch. Außerdem wäre sie auch nett und das würde ihn bei unserem gemeinsamen Bekannten nachdenklich machen, wie der das wohl hinbekommen habe? Aber er wolle nichts gesagt haben.
Ich habe dann zu bedenken gegeben, daß ich zu Sylvester lieber nichts sage, und deshalb eigentlich nirgends hingehen wollte, aber aufgrund seiner Aussage und der Aussage meines Bruders mal meine Frau frage, ob wir doch hingehen. Er hat daraufhin gesagt, daß er nichts gesagt hat, und das besonders wenn mich jemand gefragt hat ob er was gesagt hat. Ich habe ihm im Folgenden bestätigt daß ich auch nichts gehört habe, zumal er auch leise spricht, und wenn ich überhaupt was gehört habe, dann weiss ich auch nicht von wem.
Wir haben dann in der Gewißheit aufgelegt daß wir garnicht telefoniert haben. Dann hab ich zu meiner Frau gesagt, sie soll gesund werden, weil wir morgen abend dringend auf eine Party müssen, Sylvester hin oder her.


Sonntag, Dezember 29, 2002
 
the final Feier: Endspurt am Herd

Frau gesund, Kinder satt und die Schwaben haben den Truthahn auch ohne Soße überlebt. Jawohl, nachdem die Küche geputzt ist und der Gugelhupf noch eine dreiviertel Stunde braucht habe ich Zeit, Bergfest zu feiern: Das Anstrengenste dieser Feiertage liegt hinter mir, und ohne daß ich mich loben will muss ich doch sagen: Alles in allem hat es soweit geklappt.
Ok, ich musste an Heiligabend in einer spontanen Aktion die Soße zum Truthahn wegleeren, weil sie absolut scheisse geschmeckt hat. Ich habs aber niemand erzählt und die Cranberrysauce als die einzige Soße verkauft, und alle waren zufrieden.
Auch konnte ich natürlich nicht wissen (heute), daß Kinder von der schwäbischen Alb keinen Caramelpudding kennen, was sich aber relativ einfach durch die Herausgabe des Joghurtvorrates meiner Frau ausbügeln ließ.
Ansonsten ist unsere Küche durchweg gelobt worden, wobei es mich mit besonderer Genugtuung erfüllt hat, daß meine Frau vor Gästen auf Nachfrage zugeben musste, daß Sie nicht weiss wie der Herd funktioniert.

Geschenktechnisch hat es dieses Jahr auch soweit hingehauen, außer daß der Vater des einen Patenkindes etwas räs ist, weil wir dem Sohn die Comics geschenkt haben, die er von den Eltern mit Absicht nicht bekommt - Nah dem alten Grundsatz, daß Verbotenes immer ankommt.
Beim anderen Patenkind sind die Eltern noch nicht sauer, weil sie das singende und sprechende Buch erst zuhause ausprobieren wollen. Wir haben es schon ausprobiert und wissen seither, daß es einen durchschnittlichen Erwachsenen in weniger als einer Stunde in den Wahnsinn treiben kann, weil es u.a. gerne in einer Endlosschleife "alle Vögel sind schon da" spielt und man den Ausschalter nicht findet. Wir sind ehrlich gesagt froh, daß wir es aus dem Haus haben.
Weihnachten ist rum!
It´s only downhill from here ;-)