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Montag, März 03, 2003
 
...und sag einen Gruss!


Die Leute erzählen mir seltsame Sachen, daran bin ich gewöhnt. Habe ich ein Gesicht, das fremden Leuten signalisiert, daß ich tauglich und willens bin, die Last der Welt auf mich zu nehmen?
Vermittle ich das Gefühl, ich verstände alles?
Jedenfalls kenne ich die Namen verflossener Liebschaften von Straßenbahnbekanntschaften meistens nach fünf Minuten, die Gefühle beim Dahinscheiden des Pappageis nach einer Viertelstunde, und ein Transatlantikflug endet meist in einer umfassenden Lebensbeichte.
Gerüchte, ich hätte nur geheiratet, um zukünftig nicht allein unterwegs, und damit anfällig für Begegnungen mit Fremden zu sein, stimmen allerdings nicht.
Wen wundert es bei solchen Vorraussetzungen, daß auch die Besatzung des Hallenbades, die ich durch meinem bereits berichteten Schwimmuntericht kennenlerne, alles erzählen will?

Nach einigen eher peinlichen Versuchen, die Kunst des Kraulschwimmens zu erlernen, ist mir schon bekannt, daß der eine Bademeister eigentlich gerne Profilangstrecjenläufer ware und seine Beine sexy findet, während der andere begeisterter Hobbykanut ist und letztes Jahr mit 100€ zwei Wochen in Urlaub gefaqhren ist. Dabei hat er zur Entlastung des Budgets seine Kinder hauptsächlich mit Salat aus selbst gesammelten Brenesseln gefüttert und empfiehlt dies zur Nachahmung. Seine gesammelten Camping- Kindererziehungs- und Autoweisheiten wiederzugeben, hieße den Rahmen dieser Website zu sprengen.
Weiterhin kenne ich auch seinen Fahrradpark seinen Bootspark und seine Lohnsteuerkarten. Ja auch die seiner Frau.
Soweit ist alles normal, der übliche Gang der Dinge, bis die Sache mit dem Grüßen angefangen hat. Das läßt mich nervös und hilflos und verhindert meinen Nachtschlaf. So geht es nicht:

Seit letzter Woche trägt der Herr Schwimm und Meister mir täglich auf, einen Gruss auszuichten, sagt aber nicht an wen. In aller Selbstverständlichkeit ruft er mir jedesmal im Weggehen ein fröhliches “und gell, sagsch an Gruss!” mit auf den Weg. Er geht offensichtlich fest davon aus, daß ich weiss, wem ich den Gruß ausrichten soll.
Seither forsche ich nach dem Grußempfänger.
Nachdem ich Frau und Verwandschaft bis zum dritten Grad schon erfolgreich ausgeschlossen habe muss es jemand im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft sein. Hier gestaltet sich die Recherche eher schwierig, will man doch nach dem erfolgreichen Absolvieren von Schule und Universität nicht unbedingt freimütig zugeben, daß man einen Schwimmkurs nötig hat. Dementsprechend verbietet sich natürlich die direkte Nachfrage. Erste Versuche mit einer überraschenden, willkürlichen Nennung des Bademeisternamens mitten im Gespräch haben zu keinem verwertbaren Ergebnis gefürt, wobei dies auch auf den sehr gebräuchlichen Nachnahmen des Bademeisters zurückzuführen sein dürfte.

Der einmalige Versuch, auf im Schwimmkurs befindliche Kinder zu verweisen, war fatal, da die nachfolgende Bekämpfung des Gerüchtes, wir hätten überraschend Nachwuchs bekommen, nur teilweise erfolgreich war.
Zu den Unbelehrbaren zählt der örtliche Versicherungsvertreter, der uns jetzt immer auffordert, durch den Abschluss mannigfaltiger Versicherungen für die Zukunft unseres Kindes zu sorgen. Das örtliche Autohaus schickt uns auch nur noch Prospekte für Kombis und Vans.

Vom Stellen der Frage nach Hallenbädern im Umkreis und Ihren Beschäftigten im allgemeinen habe ich mittlerweile auch die Schnauze voll. Was anfangs eine gute List zu sein schien, hat sich schnell als sehr informationsintensiv herausgestellt. Schon nach dem vierten Einsatz dieser Methode kenne ich die Orte mit Hallenbädern im Umkreis nunmehr auswendig, komplett mit den Namen der Bademeister, den Öffnungszeiten und Putzfrauen, sowie der kommunalpolitischen Brisanz der Finanzierung.
Es ist erstaunlich wie sehr die Hallenbadangelegenheiten die Volksseele bewegen. Persönlich kennt meinen Bademeister aber niemand nähers, so daß ich nachwivor im Grüßnotstand bin.

Als einzig gangbare Lösung bleibt mir die schamlose Lüge. Jedes Mal am Ende des Kurses verspreche ich, den Gruss auszurichten. Ich zwinkere wissend, werfe locker ein „geht klar!“ in die Runde und haue ab. Und jedes mal muss dann einer ungegrüßt ins Bett gehen.
Die Welt ist schlecht!
Irgendwann werde ich nichtsmehr sagen. Ich kann dann nur für ihn hoffen, daß er schwimmen kann.


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