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Donnerstag, April 10, 2003
 
Jesus @ Haltestelle Schwabstraße

Ich begegne ihm jeden Morgen, wenn ich die Rolltreppe aus der U-Bahn hochfahre. Er ist immer auf eine verstaubt-elegante Art gekleidet: Dunkler Anzug, Krawatte, Weste, darüber ein heller Mantel, je nach Wetterlage offen, oder zugeknöpft. Über dem eleganten Krawattenknoten wallt, oder besser zottelt ein langer, aber zerfahrener, und deshalb eher wild als beeindruckend zu nennender Bart, dessen früheres Schwarz einem gesprenkelten Grau gewichen ist.

Der Bart umschließt ein eckiges Gesicht, einen breiten Mund, der von vollen Lippen umrandet wird, darüber eine mächtige Nase, eher mit Nüstern als mit Nasenlöchern versehen, tiefschwarze Augen, und sehr buschige Augenbrauen, die im Gegensatz zum Bart ihre tiefschwarze Farbe behalten haben. Die Haare passen wieder eher zum Anzug, leicht angegraut, hohe Stirn, mit Pomade sorgfältig nach hinten gekämmt.

In der rechten Hand hält er einen Stock aus dunklem Holz mit gravierten Silberbeschlägen. Seine Schuhe sehen bei jedem Wetter blank poliert und sauber aus, scheinen aber wie auch seine Kleider, schon älter zu sein. Die Spitzen der Schuhe haben abgeschabte Stellen. Das liegt daran, wie er läuft, eher: schlurft, denn er kann offensichtlich seine Beine nicht mehr heben. So verlagert er bei jedem Schritt bedächtig sein Gewicht, und schiebt den entlasteten Fuß jeweils nach vorne, langsam aber stetig kommt er so voran. Ich habe noch nicht wirklich herausgefunden, wie er es schafft, die Rolltreppe zu betreten und auch zu verlassen. Aber offensichtlich schafft er es, ich habe ihn schon öfter fahren sehen. Manchmal entschließt er sich aber auch, die konventionelle Treppe hinunter zu laufen. Das Laufen strengt ihn wohl sehr an, auch bei kaltem Wetter stehen ihm Schweißperlen auf der Stirn.

In seinem Blick brennt Feuer, ein eiferndes, heiliges Feuer. Seine angemessene Kleidung wäre, da bin ich sicher, ein Talar, ein Kaftan oder ein Priestergewand, sein natürlicher Aufenthaltsort eine Kanzel. Ich habe ihn noch nie reden gehört, aber ich bin sich, dass er eine laute, tiefe, gehaltvolle Stimme hat.
Jeden Morgen warte ich darauf, dass er auf der obersten Stufe stehen bleibt, sturmumtost in der Zugluft, die von unten kommt, sich mit der Hand durchs Haar fährt, wild blickt und dann mit donnernder Stimme anfängt zu predigen. Und wir alle, die wir mühselige und beladene S-Bahnfahrer auf dem Weg zur Arbeit sind, werden gebannt zu ihm aufschauen und atemlos, voller Erwartung zuhören.

Stattdessen setzt er seinen Weg abwärts fort und steigt in die U-Bahn Richtung Stadtmitte.
Vielleicht predigt er nicht in den Außenbezirken. Vielleicht zieht es ihm auch zu sehr im U-Bahn-Schacht. Mir übrigens auch. Oder seine Stunde ist noch nicht gekommen.

Ich grüße ihn jedenfalls immer freundlich, man weiß ja nie.



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