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Montag, April 07, 2003
 
Lohn der Mühe: Fleischküchle und die Vergänglichkeit des Genialen

Zu blöd, wenn man erst Hackfleisch einkauft und dann Pizza macht zum Abendessen. Mir hat dieser kleine Irrtum am Samstagabend eine lauschige Stunde an der Pfanne beschert: Aus Haltbarkeitsgründen wollte das Hackfleisch trotz fehlenden Hungers noch verarbeitet werden. Eine Dose voller leckerer Fleischküchle, die außerhalb des gelobten Ländles ja auch gerne Buletten oder Fleischpflanzerl genannt werden, sind das erfreuliche Resultat dieser Mühen.
Genau betrachtet bemerke ich den wahren Geschmack dieser Köstlichkeiten erst, seit sie im Kühlschrank parat liegen und nicht mit Soße oder Senf, sondern – ganz spontan und ohne Beilagen – aus der Hand gegessen werden. Für die geniale Balance zwischen, Salz, Pfeffer und Muskatnuss klopfe ich mir bei jedem Biss auf die Schulter, wohl wissend, dass bei der Dosierung neben Intuition und Erfahrung auch ein Quäntchen Glück im Spiel war.
Ebenso wichtig für das Geschmackserlebnis ist die Konsistenz: Herzhaft im Zubiss, innen locker und keine fühlbaren Zwiebel- oder Brotstücke, so muss es sein, geschaffen durch feinstes Zwiebelschneiden, bestes Bauernbrot, das fachmännisch in schwäbischer Milch eingeweicht und von Hand ausgedrückt wurde und die guten Landeier von freien Hühnern.
Inwieweit es eine Rolle gespielt hat, dass die Fleischküchle samstagabends zwischen zehn und elf gebacken wurden, kann ich noch nicht in aller Genauigkeit beantworten. Um aber keine Risiken einzugehen habe ich schon innerfamiliär just diese Samstägliche Abendstunde zur Fleischküchlesbackzeit erklärt.
Leider wurde schon am Sonntag in gleicher Angelegenheit von anderer Seite eine Richtlinie für die Einführung eines wohnungsweiten Fleischküchlesnachtbackverbotes erlassen. Als Begründung wurde insbesondere die Geruchsbelästigung, die sich aus technischen Gründen nicht auf die Küche begrenzen lässt, angeführt, aber auch, dass in Schwaben samstags um sechs gebadet und dann vor Montag nicht gearbeitet wird. Verhandlungsbereitschaft wurde bezüglich des Nachtbackverbotes nur für Sonntagskuchen signalisiert, was dazu führt, daß es vorbehaltlich der Rechtswidrigkeit der Regelung, schlecht für die weitere Produktion der Köstlichkeiten aussieht.
So verbinde ich seither jeden Bissen mit dem Bewusstsein, dass alles vergänglich ist, wobei diese Vergänglichkeit jedem Küchle eine romantisch melancholische Note verleiht, die den Genuss wohltuend abrundet.
Es sind noch vier übrig.
Nein, ich gebe keines ab.

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