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Dienstag, Mai 13, 2003
 
Edeltraud und der Treibhauseffekt

"Kräht der Hahn laut auf dem Mist, ändert sichs Wetter, oder es bleibt wie es ist."
Bauernregel.


Das Wetter, wie auch die guten alten Zeiten, sind Themen, über die es sich trefflich unterhalten lässt. Insofern müssten die Leute froh sein, dass sie alt werden und es den Treibhauseffekt gibt. Die Existenz und Ausprägung des letzteren wird wohl noch von ein paar Wissenschaftlern diskutiert.
Das kann aber nur daran liegen, dass alle, die leichtfertig Zweifel an der Existenz dieses Phänomens anmelden, Edeltraud nicht kennen.

Edeltraud hat heute im Bähnle nach Herrenberg Jörg getroffen, einen ihrer Neffen, den sie schon länger nicht gesehen hat. Nach kurzem Vorgeplänkel begann die Suche nach einem Gesprächsthema, dass bis Herrenberg tragen würde.
Gesprächsthemen entwickeln sich meist nicht aus freier Ideenfindung, sie entstehen aus Gehörtem, das durch äußere Anlässe besonders aktuell wird.

Leider war wohl diese Woche noch nicht besonders viel passiert, besonders nicht in Edeltrauds und Jörgs Verwandtschaft, weshalb schon in Entringen erneut dringender Themenbedarf deutlich wurde.

Zum Glück für das Gespräch ist Edeltrauds Blick spontan auf die draußen am Zugfenster vorbeiziehende Welt gefallen, und schon war klar, um was es gehen würde. Ich sage nur: Es hat geschüttet heute Morgen, und der Wetteronkel im Fernsehen hat dieser Tage von einer Windhose in Reutlingen berichtet.

Nachvollziehbar, das man so was heute erlebt, wie Edeltraud meint, und sie meint damit Windhosen in Reutlingen und den morgendlichen Regen. Denn das Wetter, so Edeltraud hat sich geändert, seit sie ein Kind ist.
Während Tübingen bis in die Siebziger anscheinend das Wetterparadies der Welt war, hat sich das in den letzten zwanzig Jahren erledigt. Klar gab es Unwetter, erinnert sich Edeltraud, aber die Blitze hätten nie die Häuser getroffen früher, oder jedenfalls nicht so oft. Aber heutzutage bräuchte man einen Blitzableiter, sogar sie und ihr Ehemann Horst hätten sich einen im Haus einbauen lassen, für ein paar tausend Euro, und nur wegen diesem Treibhaus-Effekt.

Als nächstes planen Edeltraud und ihr Mann Horst den Einbau einer Klimaanlage. Denn, so Edeltraud, so warm wie heutzutage war es früher nie. Selten hat es über achtundzwanzig Grad gehabt, und sie kann sich an mehrere Anlässe erinnern, bei denen Feste im Freien durch überraschend einsetzende Sommerregen jäh unterbrochen worden sind. Heute dagegen: heiß, über dreißig Grad und das schon Mitte Mai!

Jörg hat nachdenklich mit dem Kopf gewackelt und zum Fenster rausgeschaut, und hat gemeint, dass es letztes Jahr ja den ganzen Sommer geregnet habe.
"Genau", hat Edeltraud gesagt und ob der Bestätigung ihrer Thesen mehrfach genickt, "das ist doch nicht normal!"

Sie könne da nur Rudi Carrell beipflichten und frage sich auch, wann es mal wieder richtig Sommer werde. Früher, als sie ein Kind war, da sei man von März bis Oktober draußen gewesen, an der frischen Luft, etwas was der Jugend von heute fehle.

Sie könne sich gar nicht entsinnen, lange Hosen oder Socken besessen zu haben, so warm und sonnig seien die Sommer gewesen. Heutzutage dagegen müssten die Kinder die ganze Zeit zuhause vor dem Fernseher sitzen, weil es draußen an einer Tour regne.

Wen wundert es da, dass aus der Jugend von heute nichts wird, meint Edeltraud, und alles wegen dem Treibhauseffekt, "da kann ich nur den Kopf schütteln, wenn jemand da nicht völlig überzeugt ist."

Sprachs, nahm ihren Schirm, verabschiedete Jörg mit fatalistischem Blick und marschierte hinaus ins Treibhaus, in den Frühlingsregen.

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