| |
Dagegen! e.V.
In der Hitze einer Diskussion war es, als es Rolf es mir gesagt
hat. Nachdem ich darauf hingewiesen hatte, daß ich selten
die als "Pommes Frites" bekannten, gebratenen Kartoffelstäbchen
verzehre und daher keine akute Gefährdung meiner Gesundheit
sehe, weshalb ich auch nicht gegen den weiteren Verkauf dieser
Spezialität bin, sagte Rolf: "Du bist ja gegen nichts!".
Schlagartig herrschte in der Runde betretenes Schweigen, das
ich zu brechen suchte, indem ich vorschlug, man könne ja
gegebenenfalls auch freiwillig auf Pellkartoffeln umsteigen.
Es hat nichts geholfen, nach einigen mühsamen Versuchen,
das Gespräch wieder ins Laufen zu bringen, gingen wir heim.
Noch immer spüre ich die stechenden Blicke im Rücken.
Auf dem Heimweg ist uns aufgefallen, daß außer uns
eigentlich jeder in unserem Umfeld gegen etwas ist: Horst und
Gabi sind gegen die Mobilfunkantenne auf dem Fitnessstudio.
Lars und Andrea sind gegen die neue Ortsumgehung. Astrid ist
gegen Panzer und Raketen und hat Ewald auf einer Demo gegen
das Großkapital kennengelernt. Jochen und Heidi sind gegen
die Verweltlichung der Gesellschaft und gegen die Abschaffung
des Schulgebetes. Mein Berater auf dem Arbeitsamt ist gegen
unseren Kanzler, der widerum ist gegen George, weil der was
gegen Sadam hat, der bekanntlich gegen den Westen ist.
"Die einzigen die gegen nichts sind sind wir", hat
meine Frau gesagt, "das kann so nicht weitergehen".
Wir haben es uns nicht leicht gemacht, "denn", so
habe ich argumentiert, "wir wollen ja nicht gegen irgendwas
sein".
Ich hätte nicht gedacht, daß es so schwierig ist,
da was zu finden, und nicht nur weil mir die Erfahrung fehlt:
Anfänglich überlegte Alternativen wie "gegen
den Krieg" oder "gegen den amerikanischen Imperialismus"
brachten nicht den erwünschten Profilgewinn, da regelmäßig
Fragen wie "sind wir das nicht alle?" zurückkamen.
Gegen Sadam Hussein, die Palästinenser oder die Atomwaffen
der Nordkoreaner zu sein, führt zum Verlust sämtlicher
linksbürgerlicher Bekannter, was zwar nicht weiter schlimm
wäre, aber einer leiht uns immer sein Auto aus. Gegen die
Rechten, Liberalen und Reichen zu sein, kann ich mir nicht erlauben,
solange ich noch einen Job suche und eventuell darauf angewiesen
bin, daß ein Rechter, Liberaler oder Reicher mich einstellt.
Auf Vorschlag meiner Frau besuchten wir mehrere Veranstaltungen
von Bürgerinitiativen, konnten aber für die Aufnahme
nicht glaubhaft genug vermitteln, gegen die Ortsumgehung, den
Bundesbahnfahrplan oder veränderte Kennzeichnungen an Joghurtbechern
zu sein. Irgendwann kam mir dann die rettende Idee: "Ich
bin eigentlich gegen alles", habe ich zu meiner Frau gesagt.
Zwei Wochen später wurde Dagegen! e.V. ins Vereinsregister
eingetragen.
Laut unserer Satzung beschäftigen wir uns "mit der
Pflege des Bedekenträgertums in Reinform", insbesondere
damit, "durch gezielte Auswahl der Themen und Mittel die
Ästhethik des Protestes neu zu definieren.".
Nicht solche profanen Aktionen wie langweilige Demonstrationen
oder Flugblattverteilen im Strickpulli. Wie Horst, unser Pressesprecher
es letztens so schön gesagt hat muß Gegnerschaft
heute "ein Event sein, ein Ereignis das bewegt und nachdenklich
macht im Herzen". Daraufhin hat sich überigends gestern
die Kampa der Nidersächsischen SPD gemeldet und gefragt,
ob sie den Satz verwenden kann.
Thematisch sind wir auch schon voll eingestiegen. Auf der Suche
nach unverbrauchten Zielen haben wir uns dafür entschieden,
Bekanntes weiterzuentwickeln und Neues zu entdecken.
Im Gesundheitsbereich haben wir zum Beispiel ein Plakat mit
dem Titel "Wir sind nicht nur gegen Aids sondern haben
auch bei anderen Krankheiten Bedenken" entworfen.
Unser Vereinszoologe sucht momentan im brasilianischen Regenwald
nach unentdeckten Tierarten, gegen deren Ausrottung wir uns
aussprechen werden.
Ich als gesellschaftspolitischer Sprecher habe die junge Familie
als Thema endeckt: In einer Gesellschaft, in der es immer mehr
Singles und Alte gibt, wundert mich, daß darauf noch keiner
gekommen ist. Wir sprechen uns gegen unerzogene Kinder im Supermarkt,
pinkelnde Kinder im Hallenbad und heulende Kinder in der Kirche
aus, außerdem auch gegen Nahkampfkinderwagenschieberinnen
und Passatkombifahrer. Letztens habe ich ein Sit-in mit Champagnerfrühstück
gegen den täglichen Stau vor dem Kindergarten angeführt.
Ich kann nichtmehr verstehen, wie ich jemals gegen nichts sein
konnte. Ich muß so gedankenlos gewesen sein, gutgläubig,
vermutlich auch noch Optimist oder noch was Schlimmeres. Mittlerweile
lachen wir über solche Leute am Vereinsstammtisch. Wo bitte
wäre die Welt ohne Bedenkenträger? Ist e es nicht
gerade unsere Gegnerschaft, stetig, beharrlich und nicht ohne
Schärfe vorgebracht, die uns voran bringt?
Dementsprechend gelassen stehen wir auch den einigen wenigen
gegenüber, die öffentlich den Zweck unseres Vorgehens
bezweifeln. Die behaupten, wir wären Miesmacher und immer
nur negativ. Das ist doch typisch deutsch: Kaum setzt man sich
ein, organisiert, stellt was auf die Beine, und schon ist einer
da dem es nicht passt. Unglaublich.
|