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Ich wäre lieber Ritter
Früher hat man Männer zur Bewährung in eine Rüstung
gepackt, auf ein Pferd gesetzt, ihnen eine Lanze in die Hand
gegeben und sie zum Zwecke männlichen Kampfes ins Turnier
geschickt.
Auf der Tribüne jubelte das Publikum ihrem Mut zu und als
Preis winkte immerhin das parfümierte Taschentüchlein
eines leidlich hübschen Burgfräuleins. Heute gibt
man Männern, die sich bewähren solllen, eine Scheckkarte
und den Autoschlüssel, und schickt sie zum Sockelleisten
in den Baumarkt. Das ist grausamer.
Nachdem mein Vetter Christian gestern angekündigt hat,
daß er am Montag gedenkt, unsere Sockelleisten zu montieren,
ist meiner Frau eingefallen, daß wir dieselben erst noch
kaufen müssen. Wortwörtlich sagte sie "die mußt
DU noch kaufen". Auch durch meine Einlassungen, es sei
Samstag, regnerisch, Inventur und Weltuntergang habe ich nicht
verhindern können, daß ich mich eine halbe Stunde
später auf dem Weg in den Baumarkt befand. Wenn man schonmal
da war ist es noch viel schlimmer, weil man schon ahnt, was
einen erwartet. Das erste Problem ist immer unbeschadet das
Auto zu parken und zum Eingang zu kommen, weil entgegen aller
Schilder bei Hornbach auf dem Parkplatz die STVO nicht gilt
und außerdem alle an ihrem Auto irgendwo was rausstehen
haben. Auch heute wäre ich vor dem Eingang wieder fast
von einer Badewanne erschlagen worden. Immerhin, Tod durch eine
Kloschüssel wäre profaner gewesen. Listig wie ich
bin, habe ich mich auf keine Experimente eingelassen, und mich
erstmal an der Information angestellt um zu fragen, wo ich denn
Sockelleisten finde. Ich wurde auch schon nach einer Viertelstunde
bedient, wozu die freundliche Dame extra das Gespräch mit
ihrer Freundin unterbrochen hat. "Dritter Gang hinten",
hat sagte sie, eine brauchbare Information meine ich. Wenn man
weiß ob nach rechts oder links. Als ich das merkte hing
aber schon das "Komme gleich wieder" -Schild da, das
ich vom Holzzuschnitt kenne, wo ich es letztens eine Stunde
lang angeschaut habe. Forsch und mutig entschied ich mich für
rechts, wo im dritten Gang just ein freundlicher junger Herr
mit "Esgibt viel zu tun!" - Mütze stand und fragte
ob er mir helfen könne. Nach Schilderung meines Problems
erklärte er in bestem Hochsächsisch, daß ich
in der Metallwarenabteilung gelandet sei, und er leider nicht
wüßte, wo sich die Holzartikel im Einzelnen befänden,
ich solle doch die Holzabteilung aufsuchen. Auf meinen Einwurf,
daß es auch Sockkelleisten aus Kunststoff gebe, erwiderte
er, daß die Holzabteilung seines Wissens auch für
Holzimitate zuständig sei und schickte mich fünf Gänge
nach hinten und dann rechts. Die Holzabteilung ist offensichtlich
auch in sächsischer Hand, jedoch in sachsen-anhaltinischer,
wie der Verkäufer auf Nachfrage erklärte. Im netten
Gespräch stellte sich heraus, daß er zwar zuständig
für die Holzabteilung war, jedoch mit Sockelleisten nicht
weiterhelfen konnte, weil diese in der Bodenabteilung wären.
Wo diese sei könne er nicht sagen, er sei noch neu, aber
die grobe Richtung sei nach rechts und dann weiter fragen. Nach
einigen Metern fragte ich den freundlichen Herrn am Bohrmaschinenstand,
der zwar nicht wußte, wo die Sockelleisten sind, aber
daß ich dringend einen Bohrhammer brauche. Davon ließ
er sich auch durch Beteuerungen, daß wir im Zelt wohnen,
oder sogar obdachlos sind, und nie in die Nähe fester Wände
gehen, nicht abbringen. Zum Glück konnte ich ihm entwischen
als er sich nach einem anderen Modell umdrehte, mußte
aber dazu scharf links abbiegen und stand unversehens beim Tierfutter.
Die Verkäuferin dort - aus Thüringen - war noch nie
weiter nördlich als bis zu den Rasenmähern gekommen,
empfahl aber den Gang zu Information, die ich in diesem Moment
mit einer Gewissen Rührung auch in einiger Entfernung erkannte.
Der Weg dorthin war nicht einfach, da er am Bohrmaschinenstand
vorbeiführte, mit einem Sack Hundefutter vor dem Kopf konnte
ich die Standbesatzung aber glücklicherweise täuschen
und mit dem Hinweis auf meinen großen Hund Verkaufsversuche
wirksam abblocken. An der Information wurde ich mit einem fröhlichen
"Ah, sie haben das Hundefutter gefunden!" empfangen
und sofort zu den Sockkelleisten weitergeleitet, die sich offensichtlich
in einem Bereich des Marktes befanden, wo ich noch nie gewesen
war. "Sehn se!", sagte der Mann an der Information
im besten Berlinerisch, "müssn se nur de ritijen Leute
frachn!". Bei den Sockelleisten angekommen gab es leider
keine Sockelleisten, dafür aber einen lachenden Brandenburger
der meinte ich sei heute schon der fünfte, der für
Sockelleisten zu ihm geschickt worden sei. Das sei neuer Rekord
für die Beton- und Ziegelabteilung. Am Ende habe ich die
Sockelleisten gefunden, indem ich den Baumarkt systematisch
durchsucht habe. Ich habe Dachplatten und Schubkarren untersucht,
Besen, Heilerde, Häcksler, Lampen, Duschvorhänge und
Kiese und Erden. Ich habe Marktleiter, Putzfrauen und andere
Kunden befragt. Einen Verkäufer habe ich mit körperlicher
Gewalt dazu gezwungen, mich zu führen, was sich aber nach
einer Stunde als erfolglos herausstellte. Die Leisten sah ich
dann als ich schon aufgegeben hatte, aufgereiht in einem eigenen
Abteil direkt neben der Information. Wenigstens war der Rückweg
zu Auto weniger riskant, weil der Parkplatz schon menschenleer
war. Zwei Sachen weiß ich jetzt: Ich glaube wenn ich nach
dem Weg nach Bitterfeld gefragt hätte, hätte ich kompetenter
Auskunft bekommen.
Ich wäre lieber Ritter geworden.
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